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Klassische Musik und Oper von Classissima

Herbert von Karajan

Mittwoch 28. September 2016


Crescendo

7. September

Seelenflüsterer - John Axelrod: Der Seelenflüsterer

CrescendoHeute Sevilla, morgen Mailand, übermorgen Tokio – mit jedem Ort und Kulturkreis wechselt Dirigent John Axelrod auch sein Instrument: das Orchester. Im Interview verrät er, warum Psychologie die wahre Kunst ist, was Demokratie und Orchesterklang gemeinsam haben und warum jeder Dirigent die Renaissance lieben sollte. crescendo: Herr Axelrod, Sie haben zwar mit dem Real Orquesta Sinfónica de Sevilla „Ihr“ Orchester, gleichzeitig jetten Sie aber um die Welt und haben in Ihrer Karriere derart viele Orchester dirigiert, dass es vermutlich einfacher wäre, diejenigen aufzuzählen, bei denen Sie noch nicht am Pult standen. War diese berufliche Freiheit Ihr Ziel oder rutscht man eher in so eine Rolle hinein? John Axelrod: Geplant habe ich es nicht, aber ich bin dankbar dafür, dass meine Karriere bislang so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist. Als Dirigent ist man zwar Musiker, man hat aber kein Instrument, mit dem man Wohlklang erzeugen könnte. Das Instrument des Dirigenten ist letzten Endes das Orchester. Die Kunst des Dirigierens ist also eine Kunst der zwischenmenschlichen Beziehungen. Und je mehr Orchester man dirigiert, desto mehr Kompetenz erlangt man hinsichtlich sozialer Mechanismen wie Teamwork, Management, Personenführung und Motivation. Man erwirbt also Fähigkeiten, die einem an der Musikhochschule nicht oder nicht hinreichend beigebracht werden? Viele meiner wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe, waren in der Tat nicht technischer, sondern psychologischer und menschlicher Natur. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, oft zu dirigieren, vornehmlich an Orten, an denen ich die Qualität der Orchester sehr schätze. Jedes Mal lerne ich von Neuem, das volle Potenzial der Orchestermusiker zu suchen und auszuschöpfen. Das ist für mich die Hauptaufgabe des Dirigenten. Ein Dirigent als Psychologe und Motivationstrainer? Natürlich sehe ich die Musiker als Partner und nicht als Klienten (lacht)! Aber um eine Sinfonie zum Leben zu erwecken, braucht man jemanden, der alle Stimmen zusammenhält, der das Orchester dabei zu unterstützt, das gesamte Potenzial zu nutzen. Einem Dirigierstudenten, der sich auf dem Podium sehr theatralisch gab, habe ich einmal geraten, nicht wie ein Schauspieler aufzutreten. Das ist die Aufgabe der Musiker. Die Aufgabe des Dirigenten ist eher diejenige des Regisseurs. Das heißt nicht, dass man als Dirigent keinerlei Extravaganzen oder Persönlichkeiten an den Tag legen darf, sofern es dabei hilft, das beste Ergebnis zu erzielen. Dann ist es auch egal, ob man die Arme auf und ab bewegt wie Furtwängler, in die Luft springt wie Bernstein oder die Augen schließt wie Karajan. Interessant, dass Sie ausschließlich tote Dirigenten als Beispiele heranziehen, die zu Lebzeiten einem gewissen Kult um ihre Person zumindest nicht abgeneigt waren. Treten Dirigenten heutzutage bescheidener auf? Jedes Mal, wenn ein Dirigent das Podium betritt, steht er in der Verantwortung gegenüber der Partitur, der Absicht des Komponisten sowie gegenüber den Musikern und Zuhörern. Das sind vier Verantwortungsbereiche, und da ist sicherlich eine gewisse Demut und Bescheidenheit vonnöten. Ehrlich gesagt bin ich mir da nicht so sicher, ob das die meisten Dirigenten wirklich verstanden haben. Da herrscht noch immer recht viel „Alpha-Omega-Denken“. Da sind wir wieder beim Vergleich mit dem Psychologen bzw. Psychotherapeut: Dessen Hauptaufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen, um bestimmte Antworten zu bekommen. Genau das sollte meiner Meinung nach ein Dirigent auch tun: Das Orchester hat sein Potenzial, seine Musikalität und die muss ich als Dirigent den Musikern entlocken. Wobei ich natürlich keine Fragen stelle, sondern mit meinen Schlagbewegungen am Pult kommuniziere. Das bedeutet für Sie, der in seiner Karriere mehr als 160 Orchester dirigiert hat, dass Sie sich rasant auf einen Klangkörper einstellen müssen. Wie kann da eine fruchtbare Kommunikation entstehen? Beide Parteien müssen genau wissen, was sie musikalisch wollen und was ihre musikalischen Vorstellungen sind. Jedes Orchester hat seinen eigenen kulturellen Hintergrund. Damit meine ich nicht nur, dass ein deutsches Orchester anders klingt als ein französisches oder italienisches, sondern auch, dass jedes Orchester seine eigene Geschichte und individuelle Zusammensetzung aus Künstlern hat. Als Dirigent muss ich mich auf all das einlassen – auch aus Respekt vor den Musikern, schließlich haben sie Jahre damit verbracht, ihre eigenen Fähigkeiten zu perfektionieren. Und sie haben womöglich das bevorstehende Konzertrepertoire öfter gespielt, als du es dirigiert hast. Man kann als Dirigent viel von einem Orchester lernen. Die Zusammenarbeit besteht also aus Geben und Nehmen … Genau! Es ist so wie beim Beatles-Song The End: „The love you take is equal to the love you make.“ Beide Seiten müssen auf eine gesunde Balance achten. Ich habe viel gelernt, indem ich Dirigenten wie Abbado, Gergiev, Eschenbach oder Chailly auf dem Podium gesehen habe: Da bestand stets ein wechselseitiges Vertrauen. Der Dirigent gibt Impulse, das Orchester gibt Impulse. Nur so entsteht auch einmalige, nicht kopierbare Interpretation. Abseits des Dirigierpults sind Sie in der Nachwuchsförderung aktiv, schreiben Artikel und Bücher, beschäftigen sich mit schönen und schöngeistigen Dingen wie Wein und Philosophie – woher nehmen Sie sich eigentlich die Zeit dazu? Ganz einfach: Ich sitze sehr viel in Flugzeugen, Zügen oder Autos. Man hat also genug Zeit, um Bücher zu schreiben und Projekte ins Leben zu rufen. Außerdem finde ich, dass ein Dirigent eine Art Renaissance-Mensch sein sollte: Wir interpretieren ja nicht nur schwarze Punkte und Striche auf einem Stück Papier, sondern müssen das große Bild entdecken und offenlegen. Und dieses Bild schließt Geschichte, Philosophie, Wissenschaft, Mathematik und Literatur mit ein. Wenn man Beethoven spielt, muss man seine Zeit, sein Denken, seinen Horizont, sein Umfeld möglichst gut kennen. Und man darf sich nicht von Traditionen blenden lassen. Letztens habe ich einen Artikel über René Jacobs und seine Mozart-Interpretation gelesen, darin ging es um eine Arie in der Zauberflöte. Jacobs hat sie sehr flott dirigiert, obwohl sie eigentlich sehr langsam gespielt wird. Seine besondere Interpretation fußt dabei auf dem Brief eines Musikers, den Jacobs bei seinen Recherchen entdeckt hat. Der Verfasser, er spielte damals unter Mozarts Dirigat, beschreibt, wie der Komponist selbst die Arie dirigiert hat, und zwar sehr schnell. Tradition kann eben auch Dinge verfälschen. Nachdem wir uns im Interview so viel über das Berufsbild des Dirigenten der Gegenwart auseinandergesetzt haben: Wie hat es sich eigentlich im Laufe der Zeit gewandelt? Parallel zur Evolution der Gesellschaft: Wenn du auf der Welt Diktatoren hast, stehen auch Diktatoren auf dem Podium. Wenn in deiner Gesellschaft Frauen und Minderheiten Führungspositionen einnehmen können, stehen auch sie auf dem Podium. So, wie sich die Staats- und Gesellschaftsformen gewandelt haben, wandelte sich auch die Funktion und die Rolle des Dirigenten – des Orchesters natürlich auch: In funktionierenden Demokratien haben auch die Orchestermusiker viel mehr Möglichkeiten, ihre Ideen einzubringen, als früher. Das macht die heutigen Orchester auch so einzigartig und leicht unterscheidbar. Im Idealfall wird der Dirigent dann dafür gebraucht, die Ideen und das Potenzial von Orchestern zu verwirklichen. Maximilian Theiss

ouverture

8. August

Beethoven: Symphonies 4 & 5; Harnoncourt (Sony)

„Der Concentus und ich haben 2013 im Theater an der Wien, im ,Heimattheater' Beethovens, den Fidelio aufgeführt“, berichtete Nikolaus Harnoncourt in einem Gespräch, das im Beiheft zu dieser CD nachzulesen ist. „Das war der Anlass, der war so ein Augen- und Ohrenöffner für uns, dass aus dem Concentus selbst der Wunsch kam, jetzt müssten wir an die Symphonien gehen. Und dann haben wir erst einmal die Erste und die Zweite Symphonie gespielt, dann die Dritte und nun die Vierte und Fünfte. Wir tasten uns also langsam heran und hoffen dann, den gesamten Zyklus in Graz spielen zu können.“  Diese Hoffnung ging leider nicht in Erfüllung; die Kraft hat dafür nicht mehr ausgereicht. Im Dezember 2015, einen Tag vor seinem 86. Geburts- tag, verkündete der Österreicher, der mit vollem Namen Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt heißt, den Rücktritt vom Dirigentenpult. Am 5. März 2016 ist er dann gestorben.  Der Musiker, der seine Karriere 1952 als Cellist ausgerechnet bei den Wiener Philharmonikern unter Herbert von Karajan begann, war unermüdlich auf der Suche nach der musikalischen Wahrheit, dem „richtigen“ Klang. So fand er sich bald mit Musikerkollegen im Concentus Musicus Wien zusammen, um in Vergessenheit geratene historische Spieltechniken und verloren gegangenes rhetorisches Verständnis wiederzubeleben. Obwohl er sich lange dagegen gesträubt hatte, begann Harnoncourt in den 70er Jahren, auch als Dirigent zu wirken. Er arbeitete mit renommierten Orchestern, und er erarbeitete mit diversen Ensembles eine Vielzahl von Opern. Gern gab Harnoncourt sein Wissen an die jüngere Generation weiter. So prägte er eine ganze Generation von Musikern und Musikfreunden. Die Styriarte in Graz ist schließlich „sein“ Festival geworden.  Die Vierte und die Fünfte Symphonie von Ludwig van Beethoven sind Harnoncourts letzte CD-Aufnahme. Im Mai 2015 spielte er beide mit dem Concentus Musicus im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins ein, und zwar zum ersten Mal ausschließlich auf Instrumenten, wie sie zur Beethovenzeit genutzt worden sind. Damit erfüllte sich Harnoncourt einen lang gehegten Wunsch. Über die Vierte meint Harnoncourt: „Sie ist wahrscheinlich einfach eine Symphonie, in der Beethoven alle seine musikalischen Kenntnisse eingebracht hat. Seine Kompositionsweise ist hier sozusagen mehr in den gewohnten Bahnen und man hat das Gefühl, er folgt Poesien, sehr poetischen Gedichten. Ich glaube, gerade die Vierte bietet ungeahnt viele Assoziationen und Bilder an.“  Auch die Fünfte liest Harnoncourt neu. Es sei „wirklich grotesk, dass sie als ,die' Symphonie schlechthin gilt, weil es wahrscheinlich die einzige Nicht-Symphonie ist von allen.“ Sie beginne nicht einmal mit einem Thema – und das mit dem Schicksal, das an die Pforte klopft, möge man bitte ebenfalls nicht so ernst nehmen: „Das hat angeblich der Anton Schindler, Beethovens Sekretär, darüber nachträglich gesagt, aber der hat so viele Sachen gesagt, die er nicht verstanden hat. Man soll diesen Leuten, die um ein Genie herum sind, nicht alles aufs Wort glauben.“  Den Kern des Werkes sieht Harnoncourt im Wechsel von c-Moll nach C-Dur – und wenn sich dieser Wechsel ereignet, kommen obendrein neue Instrumente hinzu: Drei Posaunen, eine Piccoloflöte und ein Kontrafagott, so erklärt der Dirigent: „Mit Ausnahme des Kontrafagotts sind das die Instrumente der Freiluftmusik.“ Hier öffne sich eine Türe nach außen, ins Freie. Diese Lesart lässt das Ensemble konsequent hörbar werden; das klingt mitunter ungewohnt, aber es ist ohne Zweifel reizvoll. 




Crescendo

15. Juni

Der Doyen der Demut - Zum Tode des Musikjournalisten Klaus Geitel

Mit Klaus Geitel ist einer der wichtigsten Musikkritiker der Nachkriegszeit gestorben. Ein Nachruf. Von Axel Brüggemann “Wenn eena dot ist, kriste n Schreck”, heißt es. Nun ist Klaus Geitel tot, und, ja – da “kriste n Schreck!” Einer der wichtigsten Musikkritiker der Nachkriegszeit. Ein Grand Seigneur. Ein Urberliner. Er ist 92 Jahre alt geworden. Alt also. Warum also bekommt man trotzdem einen Schreck? Vielleicht, weil das Leben von Klaus Geitel so lang war, und weil es ein bisschen erschreckend ist, wie einer, der Jahrzehnte lang im Zentrum des Kulturgeschäftes stand, am Ende doch ein wenig belächelt, verdrängt und vergessen wurde, weil der Tod von Klaus Geitel uns innehalten lässt und uns daran erinnert, dass das Jetzt morgen schon wieder ein ganz anderes ist. Als ich am Anfang des Jahrtausends als relativ junger Journalist nach Berlin kam, war Klaus Geitel schon lange eine Institution: er war kein Redakteur mehr, hatte aber noch eine wöchentliche Kolumne in der „Morgenpost“. Es gab keine Opernaufführung in der Hauptstadt, in der er nicht saß – er kam auch dann, wenn längst andere berichteten. Irgendwann saßen wir Mal nebeneinander, als er mich ansprach. In seinem unverwechselbaren, süffisanten Berliner Ton. Damals ging gerade um Simon Rattle und die Diskussion um den „deutschen Klang“: „Sie mischen das janze da ja janzschön auf“, hat er gesagt, „finde ich jut.“ Und dann hat er mir das Bein getätschelt – liebevoll. Väterlich. Und geschmunzelt. Er hat mich eingeladen, Mal bei ihm vorbeizuschauen, in seinem Büro in Wilmersdorf, wo er in einer Art Schaufenster saß und seine Texte schrieb. Ein Auslaufmodell? Nein! Für mich war Klaus Geitel damals bereits ein Auslaufmodell, ein Kritiker der so genannten alten Schule, einer, der von seinen Begegnungen mit Hans Werner Henze oder mit Herbert von Karajan – mit beiden war er befreundet – redete wie über den Krieg: Musik war für ihn in dieser Zeit hauptsächlich die Erinnerungen an jene alten Tage, als er noch jung war. Aber wenn man Klaus Geitel dann wirklich zuhörte, war er jemand, der einem ziemlich schnell klargemacht hat, dass man gerade als junger Kritiker, der denkt, dass Tagesgeschehen mitzubestimmen, der begeistert von der eigenen Karriere ist, eines lernen kann: Demut. Ja, Klaus Geitel hat mich mit seinen Geschichten die Demut des Kritikers gelehrt. Gerade er, der Doyen, der regelmäßig mit Champagnerflaschen in die Redaktion kam, der sein Einstecktuch nie vergessen hatte, der die Welt durch seine goldumrandete westberliner Brille betrachtete. Er, der uns erschien wie jemand, der gerade einem Oskar-Wilde-Roman entsprungen war. Was mich als junge Kritiker an Klaus Geitel faszinierte, war seine Lebensleistung. Einer, der noch im Schützengraben gesessen hatte, der den Tod miterlebte, der geprägt war vom Krieg, in dem er seine Kamerade hat sterben sehen. Eine Zeit, die sein langes Leben im Frieden prägte. Die Welt nach dem Kriegsende war für ihn und seine Generation keine Selbstverständlichkeit. Es war jene Welt, die so lange eine unerreichbare Hoffnung war. Irgendwie glaube ich, dass Klaus Geitel nach dem überlebten Grauen einfach nur noch die Schönheit feiern wollte. Und die Kunst, die Musik, der Gesang, das Ballett – sie waren für ihn die Kosmen, in denen sich das Schöne offenbarte. Der Stellvertreter der Künstler Vielleicht wurde Klaus Geitel auch deshalb einer der größten Fans von Hans Werner Henze, und, ja, vielleicht verteidigte er auch deshalb Herbert von Karajan noch dann, als der Streit der Berliner Philharmoniker um die Klarinettistin Sabine Meyer eskalierte. Klaus Geitel suchte in der Kunst und Kultur etwas, das wir heute vielleicht nicht mehr verstehen: Bereits im Krieg war sie für ihn ein Versprechen, eine Welt, der man sich hingeben wolle, wenn man überlebte – ein Kosmos der Schönheit, der Harmonie, ein Universum der so lange verbotenen Exzentrik. Aus diesem Geist heraus hat Geitel diese Welt begleitet, er hat hemmungslos mit den Stars seiner Zeit zusammengesessen, war nicht immer kritisch, sondern verstand sich eher als Sprachrohr der Künstler, als ihr Übersetzer, als ihr Freund – als derjenige, dessen Begeisterung und Leidenschaft andere anstecken konnte. Als einer, der die Geschichten zur Musik erzählte, der Partei ergriff, der das Geschehen herunterbrechen konnte. Und genau diese Auffassung hat die Artikel, Bücher und Texte von Klaus Geitel, so behäbig und langsam sie uns heute vielleicht erscheinen, immer modern erscheinen lassen. Er war ein Freund der Künstler und hat daraus auch keinen Hehl gemacht – im Gegenteil: es erfüllte ihn mit berechtigtem Stolz! Als ich Klaus Geitel das erste Mal traf, hatten bereits andere seine Position eingenommen. Der Journalismus ging weiter, junge Redakteure kamen und kämpften um ihre eigenen Karrieren, das Geld wurde knapper, die Eitelkeiten wurden größer, die Tricks, mit denen man um Posten kämpfte, wurden hinterfotziger. Das war nicht mehr die Welt von Klaus Geitel. Er zog sich, mehr oder weniger freiwillig, in sein Wilmersdorfer Schaufenster zurück. Zeitgemäße Erinnerungen Als ich nun von seinem Tod las, war ich auch deshalb erschrocken, weil Klaus Geitel für mich irgendwie schon nicht mehr unter den Lebenden war. Er war verdrängt, abgeschrieben. Klar, da waren die verdammten Schlaganfälle. Der Körper, der nicht mehr mitmachte. Aber da war auch unsere Welt des auf Hochglanz und Krawall polierten Journalismus, die den großen alten Mann mehr oder weniger Hemmungslos abgeschoben und – ja, leider – vergessen hat. Geitels Plauder-Kolumne in der „Morgenpost“ wurde schon vor Jahren abgesetzt. Sein ausufernder, epischer Geschichten-Onkel-Ton galt nicht mehr als zeitgemäß. Aber seine Neugier, die blieb. Er ordnete seine Welt neu, holte das Außen nach innen – und konnte noch immer genießen. Er entdeckte das Internet für sich, aber die Krankheiten setzten ihm so zu, dass er nicht mehr in die Konzerte und Opern kam. Weil er nicht mehr konnte, aber vielleicht auch, weil er sich nicht anders als gestriegelt und herausgeputzt inder Öffentlichkeit zeigen wollte. So viel Eitelkeit gönnte er sich bis zum Ende. Klaus Geitel lebte in unserer Zeit immer mehr in seinen Erinnerungen. „Wenn eena dot is, kriste n Schreck. Denn denkste: Ick bin da, un der is weg.“ Als ich nun gehört habe, dass Klaus Geitel gestorben ist, habe ich viel nachgedacht. Auch über die Flüchtigkeit unseres Jobs, über die vielen unnützen Kämpfe, darüber, wie oft wir vergessen, welches Glück wir haben, all die Musik, all die Kunst erleben zu dürfen. Ich habe, glaube ich, kaum je einen Kollegen erlebt, der so exzentrisch und gleichzeitig wahrhaftig erfüllt von seiner Arbeit war und dessen Herzen so unendlich liebevoll bleib. Ränkespiele, Neid und Hinterfotzigkeit waren ihm fremd, auch in ein Welt, in der der Musikjournalismus immer unbedeutender wurde, die Rivalitätskämpfe immer hemmungsloser, in der die Spardiktate in den Redaktionen bei vielen Kollegen Egoismus und Profilierungssucht gefördert haben – er blieb der Grand Signeur, ein weicher Mensch, einer der beobachtete, und der nur einen Satz oder eine Geste brauchte, um klar zu machen, was er in Wahrheit von dieser neuen Kulturwelt hielt. Um Klaus Geitel zu trauern, bedeutet auch ein bisschen um den Anstand in unserer Branche zu trauern, um die Größe, auch wenn es einen selber hart trifft, weich zu bleiben. Vor allen Dingen aber bedeutet es, um eine Auffassung von Kultur und Musik zu trauern, die wir in unserer Zeit vielleicht zu oft vergessen: Jedes Konzert, jede Oper – egal wie gelungen oder missglückt eine Aufführung ist – war für Klaus Geitel ein Geschenk, das ihn dankbar und demütig werden ließ. Dankbar, diesen Abend erleben zu dürfen, dankbar für die Kunst, die das Elend besiegt hatte – dankbar für diese Wunderwelt, in der er leben durfte, in der er sein konnte, was er war: ein großherziger Doyen.



Crescendo

6. April

Beethoven besiegt Mozart - Der Menschenerzieher Beethoven beliebter als Menschenversteher Mozart

Zum ersten Mal siegt der Menschenerzieher Beethoven im Klassik-Ranking über den Menschenversteher Mozart. Unser Kolumnist wundert sich. Von Axel Brüggemann Über Rankings lässt sich prächtig streiten! Eine der wichtigsten Klassik-Listen bringt der britische Sender Classic FM heraus: Rund 200.000 Menschen wählen hier jedes Jahr ihre „Hall of Fame Charts“. Am Ende stehen 300 Werke auf der ewigen Bestenliste. Den deutschen Klassik-Fan mögen die Ergebnisse erstaunen. Aber sie sind ein trefflicher Anlass, um ein bisschen zu philosophieren: Über die Internationalität der Musik, über die Soundtracks in Hollywood und über das Duell der Komponisten-Giganten Beethoven und Mozart. Also los! In der Classic FM-Liste wird schnell deutlich, dass die Musik, die sich so gern als international und weltumspannend gibt, durchaus lokale Unterschiede aufweist. Wie sonst ist zu erklären, dass die meisten Briten ausgerechnet Ralph Vaughan Williams Werk „The Lark Ascending“ auf den ersten Platz wählten – und das schon im dritten Jahr hintereinander. Eine Wahl, die zeigt, dass der Geschmack in der Klassik durchaus etwas mit geografischen Vorlieben zu tun hat. Seit ich für „arte“ arbeite, weiß ich, wie unterschiedlich nicht nur der Geschmack über die Präsentationsformen von Musik in Frankreich und Deutschland ist, sondern dass sich auch das Kern-Repertoire der Länder grundsätzlich voneinander unterscheidet: Mehr Rameau, Chopin und Dutilleux dort, mehr Mahler, Strauss und Rihm hier. Logisch, dass auf russischen Bestenlisten auch mehr Tschaikowsky und Rachmaninov stehen. Klassik ist eben auch irgendwie patriotisch. Oder: Gewöhnungs- und Erziehungssache. Aber noch etwas erstaunt: die Popularität der Klassik in England wird viel massiver von der Unterhaltungskultur geprägt als anderenorts. Dass einer der großen Gewinner in diesem Jahr Beethovens 7. Sinfonie ist, liegt auch daran, dass sie den Soundtrack für „The King’s Speech“ abgegeben hat. Logisch, dass die Briten auch Filmkomponisten wie John Williams in die Top-300 neben Bach, Beethoven und Mozart wählen. In Deutschland behauptet die Klassik gern, unabhängig von anderen Künsten zu sein. Und besonders dem Kino gegenüber zeigen sich viele Künstler eher skeptisch. In Großbritannien wird es längst als einer der großen Werbe-Plattformen für Beethoven und Co verstanden. Das eigentlich Spannende der 2016er „Hall of Fame“ ist die grundlegende Neuverteilung der 300 Top-Plätze. Zum ersten Mal wird der bislang unangefochtene Megastar der Musik, Wolfgang Amadeus Mozart, als Komponist mit den meisten Stücken unter den Top 300 verdrängt und von Ludwig van Beethoven abgelöst. Der Komponist aus Salzburg ist mit 16 Kompositionen vertreten, der Meister aus Bonn erstmals mit 19. Das verwundert auch deshalb, weil allein Mozarts Werkkanon wesentlich größer ist: All seine Opern von „Zauberflöte“ über „Giovanni“,„Figaro“ und „Cosi“, dazu das Requiem, all die Sinfonien, die großartigen Werke für Kammermusik und, und, und. Beethoven tritt dagegen nur mit neun Sinfonien, einer Oper, fünf Klavierkonzerten, einigen Quartetten und Kirchenwerken an. Und dennoch: Der kleinere opus-Katalog aus Bonn hat das Köchelverzeichnis zum ersten Mal geschlagen. Das wirft so manch Frage auf. Wo bleibt Johann Sebastian Bach? – Ist er nicht der Größte aller Größten? Ist er nicht der Urvater von allem, der Gott unter den Göttern, die Musik aller Musik? Okay, vielleicht sind seine Werke nicht so populär und eingängig wie die von Mozart und Beethoven und vielleicht kommen sie vielen Classic FM-Hörern auch nicht mehr wirklich zeitgemäß vor. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass Bach seltener als Filmsoundtrack benutzt wird und seltener in einem weichgespülten Radio wie Classic FM auf der Sendeliste steht. Wie auch immer, mein Plädoyer: Nächstes Jahr einfach mal mehr „Musik wagen“ und Bach wählen! Grundsätzlicher ist die Frage, was es über unsere Zeit aussagt, dass wir zum ersten Mal Beethoven besser finden als Mozart. In diesem Zusammenhang ist spannend, zu fragen, wofür die Komponisten eigentlich stehen. Mozart ist ein Menschenversteher: Egal, wie böse seine Helden sind, irgendwie liebt er sie alle. Mozart mag uns samt unserer Fehler und Schwächen, Politik findet bei ihm immer nur im Mikrokosmos der Zwischenmenschlichkeit statt. Ganz anders Beethoven, dieser einmalige Menschenerzieher. Er ist ein Behauptungsmusiker und ein Revolutionär. Seine Sinfonien sind länger als alles, was zuvor gehört wurde, seine Quartette disharmonischer als es die Regeln seiner Zeit erlaubten. Und dazu immer wieder der Anspruch des Musikers als konkreter Politiker: „Fidelio“ und 9. Sinfonie als schreiende Feiermusiken der Menschlichkeit, die „Dritte“ als Fest des kämpfenden Helden, die „Fünfte“ als unausweichbares Schicksal. Es scheint, als könne unsere Zeit mit Mozarts menschlichen Zwischentönen inzwischen weniger anfangen als mit dem politischen Poltern Beethovens. Fortissimo und Sforzandi scheinen besser in die Zeit unserer Extreme zu passen, in eine Gegenwart, die auf Konfrontation statt auf die Lust am Miteinander ausgerichtet ist. Beethoven ist der kämpferischere der beiden Komponisten, der vermeintlich provokantere, der lautere. Mozarts Sinn für das milde Lächeln, selbst im Angesicht des Todes, scheint derzeit dagegen leider ein bisschen außerhalb unserer Moden zu liegen. Bleibt die Frage nach dem Musikalischen. Tatsächlich ist es so, dass sich nicht nur die Wähler, die bei Classic FM mitgemacht haben, derzeit lieber an Beethoven abarbeiten, sondern auch die Musiker selber. Beethoven ist so etwas wie der Maßstab des eigenen Könnens geworden. Vielleicht ist es Zufall, dass Mozarts Verdrängung von Platz eins in jene Zeit fällt, in der Nikolaus Harnoncourt von uns gegangen ist. Er war es, der in den letzten Jahrzehnten einen vollkommen neuen Mozart erfunden hat, einen Mozart, den heute vielleicht höchstens noch René Jacobs und Theodor Currentzis verteidigen. Einen Mozart der emotionalen Extreme, einen Mozart, dessen große Welt in den Innenwelten seiner Charaktere stattfindet. Aber es war eben auch Harnoncourt, der mit seinem Concentus Musicus in Sachen Beethoven vorgelegt hat (wohl auch, um sich endlich an Karajan abzuarbeiten). Beethovens Sinfonien und Klavierkonzerte scheinen gerade heute wieder so etwas wie eine Messlatte im internationalen Klassik-Geschäft zu sein: Paavo Järvis Ruhm und der seiner Kammerphilharmonie Bremen basieren auf ihrer Beethoven-Interpretation, Christian Thielemann hat die neun Sinfonien kürzlich mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen und damit einen Kontrast zu Simon Rattles Wiener Aufnahe gesetzt. Der wiederum hat die Sinfonien nun noch einmal gemeinsam mit seinen Berlinern als Labor-Arbeit verstanden und aufgenommen. An Beethoven messen sich seit jeher die großen Pianisten (Rudolf Buchbinder seit Jahren, nun nimmt ihn auch Igor Levit als Gratmesser). Ganz zu schweigen davon, dass seine Quartette für jedes Kammermusikensemble ein non plus ultra darstellen. Irgendwie ist es heute tatsächlich seine Musik, an der man die Gegenwärtigkeit eines Klangkörpers, eines Dirigenten, eines Solisten oder eines Kammermusikensembles ablesen kann. Kein anderer Komponist scheint so ideal als Maßstab zu dienen wie Beethoven. Er ist – anders als Mozart und besonders Bach – wohl am besten für jede Art von Kompetition und Wettbewerb geeignet und verleitet zur Leistungsschau der eigenen Interpretation. Vielleicht sind all diese Gedanken Grund genug für Rankings wie jenes von Classic FM. Sie zeigen uns vor allen Dingen unseren Blick auf die Musik, erklären, was für Komponisten uns in unserer Gegenwart besonders wichtig sind und durch welche ganz weltlichen Zusammenhänge es uns zu dieser oder zu jener Musik zieht. Für das kommende Jahr drücke ich persönlich dann wider Mozart die Daumen, weil ich persönlich lieber in seiner Welt des Seinlassens leben würde als in der belehrenden Welt Beethovens. Aber das ist Geschmackssache. Und hier noch die Top-20 der Classic FM-Liste. 1 Vaughan Williams The Lark Ascending 2 RachmaninovPiano Concerto No.2 3 Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis 4 ElgarEnigma Variations 5 BeethovenPiano Concerto No.5 (‘Emperor’) 6 Allegri Miserere 7 Mozart Clarinet Concerto 8 Beethoven Symphony No.6 (‘Pastoral’) 9 BeethovenSymphony No.9 (‘Choral’) 10 ElgarCello Concerto 11 BruchViolin Concerto No.1 12 BarberAdagio for Strings 13 Tchaikovsky 1812 Overture 14 HolstThe Planets1 15 Jenkins The Armed Man: A Mass for Peace 16 Pachelbel Canon in D major 17 Uematsu Final Fantasy 18 Dvorak Symphony No.9 (‘From the New World’) 19 BeethovenSymphony No.7 20 BachBrandenburg Concertos

Herbert von Karajan
(1908 – 1989)

Herbert von Karajan (5. April 1908 - 16. Juli 1989) war ein österreichischer Dirigent. Er zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten Orchesterleitern des 20. Jahrhunderts. Karajan arbeitete mit vielen angesehenen Symphonieorchestern, wirkte an bedeutenden Opernhäusern und veröffentlichte zahlreiche Einspielungen klassischer Musik. Er arrangierte auch die Hymne der Europäischen Union.



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